Die 4-Prozent-Regel: Wie viel können Sie im Ruhestand jährlich entnehmen, ohne das Kapital aufzubrauchen

Die 4-Prozent-Regel legt die sichere jährliche Entnahmerate fest, damit ein Portfolio 30 Jahre hält. Wie sie funktioniert, ihre Grenzen in Europa und der richtige Satz.

Freitag, 10 April 2026

Die 4-Prozent-Regel: Wie viel können Sie im Ruhestand jährlich entnehmen, ohne das Kapital aufzubrauchen

Sie haben dreißig Jahre gespart. Und jetzt?

Sie sind achtundfünfzig Jahre alt. Drei Jahrzehnte Berufsleben haben ein Portfolio von 400.000 Euro aufgebaut, aufgeteilt auf Aktien- und Anleihen-ETFs. In zwei Jahren möchten Sie aufhören zu arbeiten, doch die gesetzliche Rente allein wird Ihren Lebensstandard nicht sichern. Die Frage, die Sie beschäftigt: Wie viel kann ich jährlich entnehmen, ohne das Geld vor dem Lebensende aufzubrauchen?

Die Antwort, die die meisten Finanzberater seit fast dreißig Jahren geben, lautet immer wieder: 4 Prozent pro Jahr. Das ist keine willkürliche Zahl. Sie entstammt einer konkreten Studie, durchgeführt anhand historischer Daten, mit klar formulierten Annahmen. Diese Annahmen zu verstehen ist entscheidend, um zu beurteilen, ob die 4-Prozent-Regel auch für Ihre Situation gilt.


Was die 4-Prozent-Regel besagt

Die Regel besagt: Im ersten Jahr des Ruhestands entnimmt man 4 Prozent des anfänglichen Portfoliowerts. In den folgenden Jahren wird dieser Nominalbetrag um die tatsächliche Inflation erhöht, unabhängig von der Marktentwicklung. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kapital über einen Zeitraum von dreißig Jahren nicht aufgebraucht wird, war historisch sehr hoch.

Angewandt auf ein Portfolio von 400.000 Euro:

$$E_1 = 400.000 \times 0{,}04 = 16.000 \text{ €/Jahr}$$

Im zweiten Jahr, bei einer Inflation von 2 %:

$$E_2 = 16.000 \times 1{,}02 = 16.320 \text{ €/Jahr}$$

Monatlich entsprechen 16.000 Euro etwa 1.333 Euro. Zusammen mit der gesetzlichen Rente kann das den Unterschied zwischen einem komfortablen und einem eingeschränkten Ruhestand ausmachen.


Die Herkunft: die Trinity-Studie

Der Begriff „4-Prozent-Regel" geht auf eine 1998 veröffentlichte Studie von drei Professoren der Trinity University in Texas zurück: Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz. Ihre Arbeit, Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable, analysierte US-Marktdaten von 1926 bis 1995.

Die Forscher testeten Entnahmeraten von 3 bis 12 Prozent bei verschiedenen Aktien-Anleihen-Aufteilungen und maßen die Überlebenswahrscheinlichkeit über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren. Das Erfolgskriterium war einfach: Das Portfolio erreicht während des Betrachtungszeitraums nicht null.

Das meistzitierte Ergebnis: Ein Portfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen, mit einer inflationsbereinigten Entnahme von 4 Prozent, überstand in 95 bis 100 Prozent aller historischen Dreißig-Jahres-Perioden.

Die Datenbasis war ausschließlich amerikanisch: S&P 500 und US-Staatsanleihen, in einem wirtschaftlichen Umfeld, das sich so nirgendwo sonst wiederholt.


Wie es in der Praxis funktioniert

Die erste Entnahme

Das Prinzip ist geradlinig. Im ersten Jahr entnimmt man einen festen Prozentsatz des Gesamtportfoliowerts zum Zeitpunkt des Renteneintritts. In den Folgejahren erhöht man diesen Nominalbetrag entsprechend der realen Inflation, ohne Rücksicht auf die aktuelle Marktlage.

Das wird häufig missverstanden: Man entnimmt nicht jedes Jahr 4 Prozent des aktuellen Portfoliowerts, sondern passt den ursprünglichen Entnahmebetrag an die Inflation an. Wenn das Portfolio stark wächst, macht die Entnahme einen immer kleineren Anteil des Kapitals aus. Fällt das Portfolio, steigt der Entnahmeanteil am verbleibenden Wert.

Der Inflationseffekt über drei Jahrzehnte

Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2 Prozent pro Jahr verdoppelt sich die nominale Entnahme in dreißig Jahren, während der reale Kaufkraftwert stabil bleibt.

JahrKumulierte InflationNominale Entnahme (ab 16.000 €)
10%16.000 €
58,2%17.312 €
1021,9%19.507 €
2048,6%23.776 €
3081,1%28.973 €

Annahme: konstante Inflation von 2 % pro Jahr.

Warum die Aktienquote so wichtig ist

Die Trinity-Studie zeigte, dass die Aktienallokation fast ebenso viel Einfluss hat wie die Entnahmerate. Portfolios mit geringem Aktienanteil neigen dazu, früher aufgebraucht zu werden, weil sie nicht ausreichend wachsen, um jahrzehntelange Entnahmen zu tragen.

AllokationErfolgsquote nach 30 Jahren (Entnahme 4 %)
100 % Anleihen~20%
50 % Aktien, 50 % Anleihen~95%
75 % Aktien, 25 % Anleihen~98%
100 % Aktien~100%*

*Hohe Erfolgsquote, aber mit einer Volatilität, die nur wenige Anleger emotional über Jahrzehnte durchhalten.


Das europäische Problem: Warum 4 % möglicherweise nicht ausreicht

Die Trinity-Studie basiert auf US-Marktdaten. Die Vereinigten Staaten erzielten im 20. Jahrhundert die besten Aktienrenditen aller Industrieländer. Diese Daten als Maßstab zu verwenden, führt zu einem Survivorship Bias: Man kalibriert die Entnahmeregeln am erfolgreichsten Markt.

Europäische Märkte schreiben eine andere Geschichte. Zwei Weltkriege, Hyperinflationsphasen, zeitweise geschlossene oder zerstörte Börsen, abgewertete Währungen. Selbst ohne solche Extremereignisse lag die reale annualisierte Aktienrendite in Europa im 20. Jahrhundert deutlich unter der amerikanischen.

Eine Studie von Professor Wade Pfau (2010) analysierte sichere Entnahmeraten für verschiedene Industrieländer anhand historischer Daten von 1900 bis 2008. Für europäische Märkte lag die sichere Entnahmerate typischerweise zwischen 2,8 und 3,5 Prozent, mit einem Median um 3,3 Prozent.

Hinzu kommt die Besteuerung: In Deutschland unterliegen Kapitalgewinne aus Investmentfonds der Abgeltungsteuer. Jede Entnahme, die realisierte Gewinne enthält, wird entsprechend gemindert:

$$E_{\text{netto}} = E_{\text{brutto}} \times (1 - g \times t)$$

wobei $g$ der Anteil der Entnahme aus realisierten Gewinnen ist und $t$ der anwendbare Steuersatz.


Welche Entnahmerate passt für europäische Anleger?

Unter Berücksichtigung dieser strukturellen Faktoren sind drei Szenarien für jemanden sinnvoll, der sein Renteneinkommen aus einem global diversifizierten Portfolio aufbaut:

SzenarioRateJährliche Entnahme (400.000 €)Empfohlener Horizont
Konservativ3,0%12.000 €35-40 Jahre, maximale Vorsicht
Moderat3,5%14.000 €30 Jahre, gute Balance
Optimistisch4,0%16.000 €25 Jahre, günstige Bedingungen

Die Rate von 3,5 Prozent wird häufig als ausgewogener Kompromiss für europäische Anleger mit einem Dreißig-Jahres-Horizont genannt. Sie spiegelt die historischen Daten europäischer Märkte besser wider als die auf dem amerikanischen Sonderfall basierende 4-Prozent-Marke.


Alternative Entnahmestrategien

Die 4-Prozent-Regel ist ein Orientierungsrahmen, keine starre Vorschrift. Es gibt Varianten, die sie anpassungsfähiger machen.

Konstante prozentuale Entnahme

Statt von einem fixen, inflationsbereinigten Betrag auszugehen, entnimmt man jedes Jahr den gleichen Prozentsatz des aktuellen Portfoliowerts. Beträgt das Portfolio 400.000 Euro, entnimmt man 14.000 (bei 3,5 %); fällt es auf 320.000, entnimmt man 11.200.

Vorteil: Das Portfolio wird technisch nie aufgebraucht, weil sich die Entnahme automatisch anpasst. Nachteil: Das Einkommen wird unvorhersehbar, genau dann, wenn Stabilität am wichtigsten wäre.

Guyton-Klinger-Strategie (Leitplanken)

Zwei Auslöser auf Basis der realen Entnahmerate:

  • Überschreitet die aktuelle Entnahme 120 % der ursprünglichen Rate, wird sie um 10 % gesenkt.
  • Fällt sie unter 80 % der ursprünglichen Rate, wird sie um 10 % erhöht.

Dieser Ansatz verbindet Einkommensstabilität mit einem automatischen Anpassungsmechanismus, der das Erschöpfungsrisiko in schwierigen Marktphasen reduziert.

Boden-Deckel-Strategie

Man legt eine garantierte Mindestentnahme und eine erlaubte Höchstentnahme fest. Unterhalb des Bodens wird nicht weiter gekürzt, auch wenn das Portfolio fällt. Oberhalb der Deckelung wird nicht erhöht, auch wenn das Portfolio stark steigt. Dazwischen passt man wie in der Standardregel an die Inflation an.


Der Zeithorizont verändert alles

Die Erfolgsquote der 4-Prozent-Regel wird über dreißig Jahre berechnet. Mit einem anderen Horizont verschieben sich die Wahrscheinlichkeiten erheblich.

HorizontRate 3,0%Rate 3,5%Rate 4,0%
20 Jahre~99%~98%~96%
30 Jahre~97%~93%~87%*
40 Jahre~90%~82%~72%

*Schätzwerte basierend auf historischen globalen Daten, keine garantierten Prognosen.

Wer mit fünfundfünfzig Jahren in Rente geht und eine Lebenserwartung bis zweiundzwanzig Jahre hat, muss für einen Horizont von siebenunddreißig Jahren planen. Bei dieser Länge bietet die 4-Prozent-Regel nicht die Sicherheitsmarge, die viele annehmen, und 3 bis 3,5 Prozent werden zur vertretbareren Wahl.


FAQ

Berücksichtigt die 4-Prozent-Regel die gesetzliche Rente?

Nein. Sie gilt ausschließlich für Ihr persönliches Anlageportfolio. Die gesetzliche Rente ist ein separates Einkommen. Wenn Ihre Jahresausgaben 30.000 Euro betragen und die Rente 18.000 Euro deckt, benötigen Sie 12.000 Euro aus Ihrem Portfolio: das entspricht 4 % eines Kapitals von 300.000 Euro oder 3 % eines Kapitals von 400.000 Euro.

Was ist das Renditereihenfolge-Risiko?

Es beschreibt die Gefahr, dass ein starker Markteinbruch in den frühen Jahren des Ruhestands das Portfolio dauerhaft schädigt. Wer Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen muss, um Entnahmen zu finanzieren, kristallisiert Verluste und schmälert dauerhaft die Kapitalbasis für künftige Erholung. Derselbe Durchschnittsertrag über dreißig Jahre erzeugt sehr unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, ob die schlechten Jahre früh oder spät eintreten.

Funktioniert die 4-Prozent-Regel auch bei niedrigen Zinsen oder hoher Inflation?

Bei strukturell niedrigen Zinsen erzielt der Anleihenanteil des Portfolios weniger, was die Gesamtrendite drückt. Einige Forscher sehen den sicheren Entnahmesatz in solchen Szenarien eher bei 3 bis 3,3 Prozent. Die praktische Antwort: Starten Sie konservativ mit 3,5 Prozent und passen Sie auf Basis der tatsächlichen Marktentwicklung in den ersten Jahren an.

Wie berechne ich die benötigte Portfoliogröße?

Teilen Sie den gewünschten Jahresbetrag durch den gewählten Entnahmesatz. Bei 4 % benötigen Sie das 25-Fache dieses Jahresbetrags (25x-Regel). Bei 3,5 % multiplizieren Sie mit 28,6, bei 3 % mit 33,3.


Nächster Schritt

Ihre nachhaltige Entnahmerate hängt von Ihrer konkreten Portfolioallokation, Ihrem tatsächlichen Zeithorizont und Ihrer steuerlichen Situation ab. Eine universelle Zahl gibt es nicht.

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Haftungsausschluss
Dieser Artikel ist keine Finanzberatung, sondern ein Beispiel, das auf Studien, Recherchen und Analysen unseres Teams basiert.
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